Kapitulation abgelehnt!

Braunschweig zwischen Krieg und Frieden / Karl-Joachim Krause.
Die Ereignisse vor und nach der Kapitulation der Stadt am 12.April 1945.
Ausschnitt des Kapitels: Kapitulation abgelehnt! (Seite 42-45),
erschienen © 1994 Joh. Heinrich Meyer Verlag, Braunschweig (ISBN 3-926 701-22-6)

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Von Westen her haben Truppenteile der 30. US-Infantriedivision am Spätnachmittag des Dienstags den Mittellandkanal erreicht, wo die Brücke im Zuge der Reichsstrasse 1 gesprengt worden ist. Auf der Ostseite des Kanals haben sich schwache deutsche Verbände zur Verteidigung eingegraben, wie wenige es sind, wissen die Angreifer natürlich nicht. Für den ungefähr vier Kilometer langen Kanalabschnitt von der Denstorfer Brücke bis Bortfeld war ich mit meinen 18 Mann zuständig, erinnert sich später Feldwebel Hubert Glaubitz, der im Jahr zuvor von der Marine zur verlustreichen Infantrie versetzt worden ist. Seine Gruppe beiderseits der Kanalschleuse bei Wedtlenstedt ist in der Braunschweiger Schillkaserne aus Genesenden rasch zusammengestellt worden. Verwundete aus Braunschweiger Lazaretten, die nach der Behandlung ihrer Verletzungen wieder mit einer neuerlichen Frontverwendung rechnen müssen. Tags zuvor hat Feldwebel Glaubitz mit einem alten Opel vom Typ "P4" als Spähtrupp nach Westen erkundet und hat die Amerikaner bei Peine gefunden. Inzwischen stehen sie bei Vechelde.

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Am 10.April 1945 rückt die Division vor und erreicht bei nur sehr vereinzelten Widerständen am späten Nachmittag mit dem 125. Kavallerieschwadron den Mittellandkanal und die gesprengte Denstorfer Brücke. Weiter schildert Robert L. Hewitt in seiner Divisionsgeschichte die Vorgänge: "Bei Vechelde erklärt uns ein deutscher Sanitätsoffizier, der Braunschweiger Kampfkommandant sei zur Übergabe bereit, und der Soldat Salomon von der 125. Kavallerieschwadron wurde durch die Linien geführt, um für 19 Uhr ein Treffen nahe der Brücke (an der Wedtlenstedter Schleuse) zu vereinbaren. Die Truppenspitzen schlossen hinter dem Kanal auf und warteten auf der strasse, während die rückwärtigen Einheiten weiter herankamen. Inzwischen, das blieb den Amerikanern unbekannt, trafen die Deutschen letzte Vorbereitungen zur Zerstörung aller Kanalbrücken westlich und nördlich von Braunschweig."

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An der Wedtlenstedter Schleuse trifft der Braunschweiger Kampfkommandant, Generalleutnant Karl Veith, zusammen mit dem Führer des Braunschweiger Volkssturms, Major der Reserve Ernst Webendörfer, und einem Dolmetscher ein. Der 51 Jahre alte Verlagsbuchhändler Ernst Webendörfer ist seit 1921 Geschäftsführer und Mitgesellschafter des weltbekannten Vieweg-Verlages, ein Mann von betont nationaler Gesinnung und "in den Jahren des Nationalsozialismus der erwünschte Betriebsführer", wie es in der Verlagschronik heißt. Wegen der ihnen unbekannten Uniform des Volkssturmführers, der als Soldat des 1. Weltkrieges mehrfach verwundet worden war und ein Bein verloren hatte, halten die Amerikaner Ernst Webendörfer irrtümlich für einen Vetreter der NS-Partei. Für die Amerikaner verhandelt Generalmajor Leland Hobbs, der Kommandeur der 30. Infantriedivision, der von seinem Stellvertreter, Generalmajor Harrison, begleitet wird.
Kapitulationsverhandlungen an der Wedtlenstedter Schleuse, im Vordergrund die Generäle Hobbs und Harrison, mit weißer Flagge General Veith Seite 44
"Die Unterredung erwies sich als Zeitverschwendung", kommentierte der Autor der amerikanischen Divisionsgeschichte, denn der deutsche Kampfkommandant lehnt die von Hobbs geforderte bedingungslose Kapitulation ab. Der Deutsche schlägt vielmehr vor, ihm 24 Stunden Zeit zu geben, um die Städte Braunschweig und Wolfenbüttel von Truppen zu räumen und somit die Bevölkerung vor weiteren Schäden zu bewahren. "Das Anerbieten des Generals Veith gründete sich auf die vorausgegangene Besprechung mit dem Vertreter der Partei, der nach einer Rundfahrt durch den Kreis die Stimmung der Bevölkerung als ausgesprochen passiv, ja kampffeindlich bezeichnete und deshalb eine Verteidigung der Stadt auf der inneren Linie für ausgeschlossen hielt", erzählt Webendörfer später dem Archivdirektor Dr. Werner Spieß.

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Auf den Vorschlag des deutschen Generals antwortet Hobbs kurz angebunden: "Die Bedingungen der Alliierten heißen immer Bedingungslose Kapitulation" und gibt dem Deutschen fünf Minuten Bedenkzeit. Währenddessen unterhalten sich Hobbs und Harrison lebhaft über Mittel und Wege zur Erstürmung der Stadt. Dann unterbreitet Generalleutnant Veith einen neuen Vorschlag: "Braunschweig und Umgebung werden morgen um 12 Uhr bedingunslos kapitulieren, die Truppen vor und in der Stadt ziehe ich heraus". Da schnauzt ihn Harrison verdrossen an: "Uns ist die Stadt egal, wir wollen Ihre Truppen!" Der amerikanische Standpunkt, der von einer Bereitschaft des Generalleutnants Veith zur Kapitulation ausging, erweise sich mehr und mehr als falsch, urteilt der amerikanische Chronist. Entschlossen erklärt Generalmajar Hobbs dem Deutschen: "Ich bin nicht hier, um zu zanken, ich verlange bedingungslose Kapitulation !" Veith zuckt bloß mit den Schultern, die amerikanischen Unterhändler beginnen aufzubrechen. Der deutsche Dolmetscher fragt, wie lange der Waffenstillstand noch anhalten soll; nach kurzer Rücksprache mit dem Oberstleutnant Steward L. Hall, dem G2 (Feindlage-Offizier) des Divisionsstabes, kündigt Generalmajor Hobbs an, daß die Feindseligkeiten in einer halben Stunde wiederaufgenommen würden, und geht davon.



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